Büro Huennerkopf Kommumikationsdesign
Büro Huennerkopf - Kommumikationsdesign
 
 
Kunstwettbewerb Gedenkinstallation im Schülerpark Marburg
 
2018 / 1.Preis
»Verblendung«
Gegen Militarismus und Heldenmythos
zur Erinnerung an die Opfer der Marburger Jäger


Das Jäger-Bataillon Nr. 11 „Marburger Jäger“ bestand im wesentlichen aus Freiwilligen, Marburger Bürgern und Studenten der Universitätsstadt, die ihren freiwilligen einjährigen Dienst ableisteten. Ein „Jäger“ zu sein brachte gesellschaftliche Anerkennung und bot Karrierechancen, neben der militärischen Laufbahn, die Möglichkeit des Besuchs der Forstlehranstalt und der damit verbundene Aufstieg zum Förster mit Anstellung im Staatsdienst. Innerhalb der Bevölkerung waren die Marburger Jäger gesellschaftlich akzeptiert und geachtet, so wurden sie bei ihrer Rückkehr „aus dem Felde“ mit großem Jubel empfangen. Darüberhinaus gehörten die Offiziere zur lokalen Prominenz, die entsprechende Ehrenämter innehatten. Bei den Obrigkeiten der Stadt dagegen war das Verhältnis zu den „Jägern“ ambivalent, wohl aufgrund unterschiedlicher Interessenslagen. Die Garnison prägte rund fünf Jahrzehnte das gesellschaftliche Leben in Marburg und hinterließ räumliche Spuren in der Stadt.

Im aufkommenden Militarismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts kam den Jägern ihre Rolle als Einheit zu, die für spezielle Einsätze und besondere Aufgaben auf dem Schlachtfeld vorgesehen war. Die Beteiligung der Marburger Jäger an Kriegsverbechen,Terror, Völkermord und Massenvergewaltigungen belegen zahlreiche Beispiele, während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71, der Kolonialkriege in China 1900/01 und in Südwestafrika 1904–1907, im Ersten Weltkrieg und während des Einsatzes in Königshütte 1919. Dabei fielen die Jäger durch ihre außerordentliche Gewaltbereitschaft und Grausamkeit auf.
Im Wilhelminismus wurde die Gesellschaft zunehmend militarisiert und die Armee galt als beste Schule der Nation. Nachfolgend eine Textpassage aus der Studie der Marburger Geschichtswerkstatt, die dies auf Seite 14 treffend beschreibt: „In einer Zeit, in der das Militär zur Schule der Nation wurde, in der bunte Uniformen und Orden den Wert des jeweiligen Trägers zu heben schienen, war grundsätzliche Kritik am deutschen Militarismus informeller Hochverrat. Offizielle Lesart nahm patriarchale und paternale Hierarchisierungen, die grundsätzliche Aggressivität der Kriegskunst, das Leiden und den Dreck an der Front, die allgegenwärtige Furcht vor dem Tod kaum wahr – oder bewertete sie gar positiv. Vielmehr wurde – zumindest in den gedruckten Äußerungen – Heldentum im Einsatz für Gott, Kaiser und Vaterland hervorgehoben.“ Betrachtet man dies vor dem Hintergrund der „Hunnenrede“ Kaiser Wilhelms II bei der Verabschiedung des Ostasiatischen Expeditionskorps „Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! ...“, so wurden die Soldaten mit martialischen Worten regelrecht zur Gewaltbereitschaft angespornt. Eine ganze Gesellschaft, Generationen wurden verblendet und eingestimmt auf Gewalt, Ehre und Heldenmythos.

Die zukünftige Gedenkinstallation blendet den Ort des „Heldengedenkens“ aus und steht in direkter Konfrontation vor dem Denkmal. Die halbkreisförmig angeordneten Winkelprofile gewähren nur bruchstückhafte Einblicke auf den Ort, je nach Blickwinkel mal offener, mal geschlossener. So wie die Opfer und deren Angehörige vor den Bruchstücken ihres Lebens stehen, so sieht der Betrachter lediglich Fragmente des Denkmals. Auf der Rückseite der Winkelprofile sind kleine Tafeln aus VA-Blech angebracht, die an die Opfer der Marburger Jäger erinnern und informieren. Optional besteht die Möglichkeit weitere Tafeln anzubringen, die Bilder von Opfern zeigen bzw. die Geschehnisse darstellen. Der Titel der Installation „Verblendung“ nimmt zum einen bewußt Bezug auf den architektonischen Kontext als „Verkleidung, Abdeckung“. Zum anderen befasst er sich mit der Begrifflichkeit, der Unfähigkeit zu vernünftiger Überlegung, zu Einsicht, dem Verblendetsein. Die Folgen dieses „Kadavergehorsams“ sind uns hinreichend bekannt, so führten sie uns in zwei Weltkriege und eine NS-Diktatur. In einer Zeit der Politikverdrossenheit und dem Erstarken der rechten Ränder in Europa liegt es an uns, in einer Demokratie aufmerksam sein, uns zu beteiligen und kritisch zu hinterfragen. Nur durch unser Zutun sichern wir den Frieden und tragen zur Völkerverständigung bei.





       
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Verblendung
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Prof. Schneider der Initiator der Leipziger Notenspur / Basisinformationspylon